Der Gobi-Bär Ursus gobiensis SOKOLOV et ORLOV (1992), ein Bär,
der erst vor wenigen Jahren als eigene Art beschrieben wurde, ist ein Tier von
dem man bis heute kaum etwas weiß. Der Gobi-Bär, verwandt mit dem Braunbär,
jedoch wesentlich kleiner, besitzt eine hellere Fellzeichnung als sein großer
Bruder. Sein Körperbau ist schmal und hochbeinig, weniger massiv als der
Braunbär, was ihm schnellere, wendigere Bewegungen erlaubt.
Bemerkenswert ist die Geschichte der Forschung zu diesem Tier. Im Jahre 1900
gab es den ersten wissenschaftlichen Nachweis. Vorher ging die Legende von
einem Menschentier (mongol. Khun Guruus) um, - quasi der mongolische Yeti-,
wonach von einem menschenähnlichen Tier berichtet wurde, welches abgeschieden
in der Wüste Gobi im Süden der Mongolei lebe. Man fand immer wieder einmal
Spuren, die als Menschenspuren interpretiert wurden. Es dauerte dann aber
weitere vierzig Jahre bis die beiden russischen Botaniker Junatov und Murzajew
mehr zufällig auf einer botanischen Expedition erstmals einen lebenden Bären zu
Gesicht bekamen.
Murzajew schrieb:
„Erst am 4. August 1943 glückte es uns endlich, dieses seltene Tier zu
beobachten. Das Areal des Bären ist sehr klein, das Tier hat sich in stark
wüstenhaften und rauhen Landschaften erhalten. Da die Auffindung des
Bären in der Gobi von ungewöhnlichem Interesse ist, gebe ich einen kurzen
Auszug aus meinem Feldtagebuch: Heute haben wir in den nördlichen Vorgebirgen
des Cagan-Bogdo in einem trockenen und breiten Sajr….. endlich einen Gobibären
zu sehen bekommen. Er lief ohne Hast den Grund des Tales entlang, dunkelbraun,
mit Fetzen von längerem und hellerem Haar, das nach dem Haarwechsel an dem
dunkelbraunen Pelz hing. Der Bär beschnupperte etwas anscheinend auf der Suche
nach Nahrung.“
Bis heute halten sich die direkten Beobachtungen in Grenzen. Es existieren nur
wenige Foto- und seit einiger Zeit auch Filmaufnahmen. Im Jahre 2004 gelang es
Aufnahmen mittels einer automatischen Kamera zu machen. Die sichersten
Nachweise lieferte ein amerikanischer Genetiker in den achtziger Jahren, der
durch das Auslegen von Drähten an vorher eingerichteten Futterstellen Haare
gewinnen konnte. Leider war es aber auch damals nicht möglich, die Tiere direkt
zu beobachten. Genetische Untersuchungen lieferten jedoch den Beweis dafür,
dass es sich um eine eigene Tierart handelt. Zweifelsfrei konnten 13
verschiedene Individuen identifiziert werden.
Über die Lebensweise des Tieres ist so gut wenig bekannt. Man weiß nicht
zweifelsfrei, ob die Bären tag- oder nachtaktiv sind, wo sie überwintern, ob
sie in Gruppen leben oder Einzelgänger sind. Selbst über die
Ernährungsweise gibt es Uneinigkeit. Während russische Zoologen vom
Pfeifhasenfresser sprechen, also von einem überwiegend sich von Fleisch ernährendem
Tier, sehen mongolische Forscher den Gobibären als Pflanzenfresser, welcher als
Hauptnahrung Bajuun-Wurzeln (dt. Kleiner Rhabarber, lat. Rheum nanum) im
Frühjahr, ansonsten Beeren und andere Pflanzen zu sich nimmt. Möglicherweise
liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte.
Kleiner Rhabarber, ein Verwandter unseres Gartenrhabarbers
Foto: Hotzy
Der Lebensraum…
Ungewöhnlich und weltweit einzigartig ist der Lebensraum des Gobibären.
Braunbären findet man eigentlich in großen Waldgebieten und nicht
abgeschieden in der Wüste der Transaltai-Gobi im südwestlichen Zipfel der
Mongolei an der Grenze zu China.
Das Gebiet der Transaltai-Gobi liegt südlich des Mongolischen- bzw. Gobi-Altai
und bildet den westlichsten Ausläufer der „Wüste Gobi“. Südlich auf
chinesischem Gebiet umringt der mächtige Tienschan das Gebiet. Die Landschaft
ist sehr zerklüftet. Neben ebenen oder kleinhügeligen Strecken finden sich sehr
häufig weite bergige Gebiete. Die Berge sind sehr verödet, kahl und stark durch
trockene Schluchten gegliedert. Die Vegetation ist spärlich, wobei es sich um
Wüsten- bzw. Halbwüstenvegetationstypen handelt. Lediglich im Bereich der
wenigen Oasen sprießt ein üppigeres Grün. Das Klima ist sehr trocken und
kontinental, was bedeutet, dass die Temperaturunterschiede sowohl im Tages- als
auch im Jahresverlauf extrem sein können.
Tsagaan Bogd: im Jahr 2007 ist die Wüste nach vielen Jahren der Trockenheit
grün; ein gutes Jahr für den Gobibären?
Foto: Hotzy
Wegen der Wasserarmut und der unwirtlichen Landschaft ist
das Gebiet fast menschenleer. Selbst die genügsamen Ziegen finden in diesem
Gebiet kaum genügend Nahrung zum Überleben. Lediglich einige Oasenbereiche und
die Randgebiete sind besiedelt.
Eine russische Theorie besagt, dass die Tierart als Relikt aus der Borealzeit
zu werten ist. Damals herrschten in der Gobi völlig andere Lebensbedingungen.
Es gab große Wälder ähnlich der heutigen großen Taigawälder in Sibirien oder
der Nordmongolei und das Klima war wärmer und feuchter.
Der Gobi-Bär kommt weltweit nur in drei kleineren Gebirgszügen vor, die als Tsagaan
Bogd Uul zusammengefasst werden. Der Verbreitungsschwerpunkt liegt in der
Umgebung der Oasen Baruun Tooroi und Shar Khulsny Bulag. Die Gesamtfläche des
heutigen Lebensraumes schätzt man auf lediglich 10.000 bis 15.000 qkm.
Im selben Gebiet leben auch die letzten Wildkamele dieser Erde, die den
Ursprung für die weit verbreiteten und seit Jahrhunderten domestizierten
Nutzkamele bilden. Auch sie sind stark bedroht. Erst im Juni 2002 wurde ein
Viehzüchter verurteilt, weil er ein Wildkamel erlegt hat. Es bedarf auch für
diese Art einer verstärkten Aufklärung bei der lokalen Bevölkerung, um die Art
nachhaltig erhalten zu können.
Das Verbreitungsgebiet
Quelle: Uni Ulanbaatar
Die Population des Gobi-Bären wird auf lediglich 30-60 Einzeltiere geschätzt. Damit liegt die Populationsgröße an einer kritischenGrenze und das Aussterben der Art droht. Es wurden Jungtiere nachgewiesen,jedoch scheint der heute sehr eng begrenzte Lebensraum eine Vergrößerung bzw.Ausbreitung der Bären zu verhindern. Eine grundlegende Voraussetzung für dasÜberleben ist ein möglichst ungestörter Lebensraum, der den Tieren ihrezurückgezogene Lebensweise fernab von jeglicher menschlicher Zivilisationerlaubt. Ihre Reliktgebiete sind jedoch durch menschliche Einflüsse gestört. Sokam es von Mitte der 40er Jahre bis Mitte der 60er Jahre zu 11 Todesfällen,wobei 70% davon auf die Jagd durch Grenztruppen, geologische Expeditionen etc.zurückzuführen sind. Die Region war vorher über Jahrtausende unbesiedelt,sodass sich der Gobi-Bär ungestört entwickeln konnte. Eine weitere Gefahr gehtvon der zunehmenden Wüstenausbreitung in Folge der globalen Klimaveränderungaus, die sich in diesen extremen Regionen unserer Erde besonders krassauswirkt. Die Tiere werden dadurch auch gezwungen, weite Wanderungen zuunternehmen, um in Folge des zunehmenden Futtermangels genügend Nahrung zufinden. Diese Entwicklung führt sicherlich auch zu einem weiteren Verlust.
Erlegter Gobibär"
Es handelt sich nicht um einen geschossenen Bären; sondern nur um ein betäubtesTier; welches im Rahmen eines Forschungsvorhabens betäubt wurde
Quelle: Uni Ulaanbaatar
In angrenzenden Regionen besteht bei der Landbevölkerung eine völlige Unkenntnis über den Gobi-Bären. Aus diesem Grunde kann die Landbevölkerung, welche ansonsten artenschutzfachlichen Zielen äußerst aufgeschlossen ist, wenig für den Erhalt der Tiere machen. Eine weitere Chance für das Überleben des Gobi-Bären besteht in der Vermutung, dass nördlich des heute bestehenden Verbreitungsgebietes bis in das 19.Jahrhundert zusätzliche Populationen vorkamen. Diese wurden dort jedoch durchden zunehmenden Siedlungsdruck in die heutigen Gebiete vertrieben. Tier undMensch standen in scharfer Konkurrenz um die wenigen lebensnotwendigenWasserstellen. Wurde eine solche Wasserstelle von Menschen besetzt, gab es keine Überlebenschance für den Bären.